Reportage
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Tagblatt vom 29.6.2001,
Stadt St. Gallen
Zu Gast
«Ich
bleibe im Diesseits»
Es hat fast etwas
Tröstliches: Die Schweiz ist noch nicht so übernutzt und
überbaut, dass man in ihr keine Spuren aus der
vorchristlichen Zeit mehr finden würde - Landschaften,
Stätten, Plätze. Sie sind so etwas wie «spirituelle
Reservate», die gerade heute viele Menschen anziehen.
«Solider Bretterboden»
Den Ethnologen,
Publizisten, Reiseveranstalter und Verleger Kurt Derungs
freut das natürlich: Dieser Trend bringt ihm Zuhörer,
Kunden, Leser. Manchmal macht ihm das Ganze aber auch
Unbehagen, dann nämlich, wenn die Dinge «esoterisch
aufgebauscht» werden. Das mag er gar nicht. Allerdings
nicht aus dem Dünkel des Akademikers heraus - Kurt Derungs
hat Europäische Ethnologie, Germanistik sowie Sprach- und
Literaturwissenschaft studiert und mit einer Dissertation
abgeschlossen. Es geht ihm um etwas anderes: Er will den
Leuten nicht die eigene «Privatmythologie» verkaufen,
sondern kulturgeschichliche Hintergründe vermitteln,
historisch-kritisch aufgearbeitete Zusammenhänge. Mit
seinen Referaten, Büchern, Exkursionen und Reisen zimmert
er sozusagen einen «objektiven Bretterboden», der für
die Beschäftigung mit diesen Landschaften, Stätten und
Plätzen eine solide Grundlage bietet. Was die Leute dann
auf diesem Bretterboden machen, ist ihre Sache. «Ich»,
formuliert Kurt Derungs
pointiert, «bleibe im Diesseits.» Der Fachausdruck für
das, was Kurt Derungs
betreibt, ist Landschaftsmythologie. «Es ist der Versuch,
mit Erfahrung und Wissen aus verschiedenen Bereichen eine
Landschaft in ihrer umfassenden Kulturgeschichte
mythologisch erkennbar zu machen», erklärt er. Dafür
zieht er Mythen, Märchen und Sagen ebenso heran wie Riten
und Brauchtum, archäologische Funde und Namen von
Kultstätten. Das tönt nicht nur nach viel Arbeit - es
ist viel Arbeit. Dafür befriedigen dann die Ergebnisse.
Man merkt schnell, ob sich jemand nur husch husch mit
einer Landschaft beschäftigt oder sich wirklich intensiv
mit ihr auseinander gesetzt hat.
Abgestumpfte Sinne
Diese Auseinandersetzung
geschieht allerdings nicht nur auf dem Hochseil
komplizierter Wissenschaft. Es ist auch wichtig, «ganz
naive» Fragen zu stellen: Warum steht gerade hier ein
Kloster? Was ist eine Insel eigentlich? Sie sind sozusagen
«Türen», durch die man von der
technisch-rational-aufgeklärten Welt des 21. Jahrhunderts
wieder zurückfindet in die Welt «davor» - zumindest ein
Stück weit. Hinderlich sind dabei nicht nur die massiven
Veränderungen, die unsere Landschaft vor allem in den
letzten 200 Jahren erlebt hat, sondern auch unsere
abgestumpften, taub gewordenen Sinne. In unserer immer
künstlicheren und virtuelleren Welt müssten wir sie für
solche Dinge buchstäblich wieder «sensibilisieren»,
sagt Kurt Derungs. Und findet
dann wieder eine pointierte Formulierung: «In einer Stadt
stürzen derart viele Sinneseindrücke auf einen ein - da
hat man zum Teil mehr Mühe sich zu orientieren als in den
Bergen.»
Interessante Ostschweiz
Die Ostschweiz kann Kurt Derungs
für solche Ausflüge in die vorchristliche Zeit nur
empfehlen. Es gibt viele spannende Orte und Geschichten:
vom bronzezeitlichen Steinkult-Platz Heiden über die
Mülenenschlucht in St. Gallen bis zur heiligen Idda von
Toggenburg, die für ihn eine «getaufte
Landschaftsgöttin» ist. Der in St. Gallen aufgewachsene
und heute in Bern lebende Landschaftsmythologe schätzt es
denn auch immer, wenn er - wie diese Woche - wieder einmal
in der Ostschweiz zu Besuch ist. Das lässt sich meist mit
einer Exkursion verbinden. «Gestern», erzählt er beim
Gespräch im Restaurant Concerto bei der Tonhalle, «waren
wir im Kloster Fischingen.» Wird in seiner edition amalia
einmal ein Buch über die Ostschweiz erscheinen? «Das ist
nicht ausgeschlossen.»
(Peter Müller)
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